Das Ei des Kolumbus – klug und kreativ finanzieren

Mittelstand Intakt, Ausgabe 01-2020, Seiten 4-9, Autor: Matthias Bianchi

Die Unternehmensfinanzierung ist ein zentraler Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Unterschiedliche Finanzbedarfe in verschiedenen Unternehmensphasen müssen mit den jeweils optimalen Finanzierungsinstrumenten und -quellen abgestimmt werden. Die Beispiele der DMB-Mitglieder Sven von Alemann und Timo Weber zeigen, wie mit klugen und kreativen Finanzentscheidungen die Segel in Richtung erfolgreiche Unternehmenszukunft gesetzt werden können.

In Geschichtsbüchern wird die Entdeckung Amerikas als welthistorischer Wendepunkt beschrieben. Zumeist wird die Leistung von Christopher Kolumbus als Entdecker gewürdigt, sein unternehmerisches Geschick jedoch kaum. Doch dieses wenig beachtete Talent bildet die Grundlage für seine geschichtsträchtige Expedition im Jahr 1492.

Ausgestattet mit einer guten Idee für eine innovative Logistikdienstleistung, aber begrenzten finanziellen Ressourcen, muss Kolumbus bei verschiedenen Kreditinstituten (damals: Königshäuser) um finanzielle Unterstützung werben – und blitzt reihenweise ab. Fünf lange Jahre dauert es, bis seine Unternehmung finanziert ist: Drei Schiffe, wenige Fachkräfte, viel mehr braucht er nicht. Eine Mischfinanzierung, Mittel aus öffentlichen Infrastrukturtöpfen und von privaten Investoren, ermöglicht es dem Kleinunternehmer Kolumbus schließlich, in See zu stechen. Der Rest ist Geschichte – und mündet in der Zufallsentdeckung der Neuen Welt.

Die neue „neue Welt“

In neuen Welten bewegt sich auch Sven von Alemann – und dies gleich im doppelten Sinne. Der Unternehmer hat mit der rfrnz GmbH im Jahr 2017 den Schritt in die Welt der Selbständigkeit gewagt. Zuvor war der promovierte Jurist als Syndikusrechtsanwalt in einem Konzern tätig. Persönlich ein durchaus gewagter, aber für den Gründer rückblickend vollkommen richtiger Schritt: „Ich wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen“, sagt von Alemann, „aktiv mitgestalten, wie Anwälte künftig arbeiten werden.“

In eine neue Welt stößt auch das Produkt vor, welches das Start-up mit Standorten in München und Berlin anbietet: Künstliche Intelligenz (KI) – das klingt auch im Jahr 2020 nach Science-Fiction. Aber mithilfe ebendieser KI unterstützt rfrnz Unternehmen und Rechtsanwaltskanzleien schon heute dabei, Verträge und Dokumente in einem Bruchteil der dafür gewöhnlich benötigten Zeit zu bearbeiten. Kernprodukt ist ein Programm, das die juristische Vertragsanalyse revolutioniert, indem relevante Informationen aus Verträgen extrahiert und einer Risikoanalyse unterzogen werden, vollautomatisch und lernfähig.

Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen ein siebenstelliges Investment von privaten und institutionellen Investoren wie dem High-Tech Gründerfonds eingesammelt.

Ein großer Schritt, der den Umbruch von der Gründungs- in die Wachstumsphase für rfrnz eingeläutet hat. Doch dafür mussten aus einer innovativen Idee erst einmal ein funktionierendes Produkt und ein Business-Case entwickelt werden, um die Investoren zu überzeugen.

Gründer von Alemann wagt den Ausstieg aus der Festanstellung, sucht nach Mitstreitern für seine Idee. 2016 lernt er Adriaan Schakel über gemeinsame Bekannte in Berlin kennen. Gemeinsam mit dem theoretischen Physiker und KI-Experten wird die Idee der automatisierten Vertragsanalyse weiter vorangetrieben.

Der Dritte im Bunde ist CTO Moritz Biersack, der seine Expertise in der digitalen Produktentwicklung einbringt.

Das Trio gründet schließlich im Jahr 2017 und entwickelt fortan in einem „Accelerator“ – einer Starthilfe für Start-ups – der Universität München erste Prototypen, die bei ausgewählten Pilotkunden erfolgreich getestet werden.

In der Zwischenzeit räumt das Start-up Stipendien und Auszeichnungen ab, eine nach der anderen: vom Gründerstipendium bis zum Gründerpreis. Preisgelder werden umgehend in die Produktentwicklung reinvestiert. Die Technologie von rfrnz ist „cutting-edge“, höchst innovativ und dadurch besonders entwicklungs- intensiv.

Der Durchbruch dann im Jahr 2019: Nach der erfolgreichen Finanzierungsrunde wird das erste rfrnz-Standardprodukt auf den Markt gebracht. Das Team wächst auf 14 Mitarbeiter: Programmierer, Juristen, KI- und Marketingexperten. Diese Spezialisten sind „unsere wichtigste Ressource“, weiß Sven von Alemann. Und natürlich wird das Team mit wachsender Größe ein zunehmender Kostenfaktor, gerade weil IT- und KI-Experten derzeit überall händeringend gesucht werden.

So muss rfrnz auch hier wieder kreative Wege suchen. Trotz der neu gewonnenen finanziellen Sicherheit steht das Start-up in direkter Konkurrenz mit Konzernen um die besten Köpfe. Doch bei diesen kann rfrnz mit technologischer Innovation, einer jungen Unternehmenskultur und Beteiligungen am Unternehmenserfolg punkten. Und ebenso mit ersten Erfolgen: Mittlerweile bringen mehrere Mittelständler, Kanzleien und sogar das eine oder andere DAX-30-Unternehmen mithilfe von rfrnz ihre Vertragsanalyse in das digitale Zeitalter.

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